Getränkeakademie
Weinwissen
Rebsorten, Terroir, Vinifikation, Sensorik und die Kunst des Food Pairing — auf Sommelier-Niveau.
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Biodynamischer und Naturwein
Konventioneller, biologischer, biodynamischer und Naturwein — vier Philosophien des Weinbaus, die sich grundlegend in ihrem Umgang mit Natur und Technik unterscheiden.
Konventioneller Weinbau: Synthetische Pestizide, Herbizide, Kunstdünger erlaubt. Im Keller: Über 50 zugelassene Zusatzstoffe (Enzyme, Tannine, Farbstoffe, Hefen, Zucker, Säure, Klärungsmittel). Der Großteil des Weltweins wird konventionell produziert.
Biologischer/Ökologischer Weinbau (EU Bio-Verordnung seit 2012): Im Weinberg: Keine synthetischen Pestizide, Herbizide oder Kunstdünger. Kupfer und Schwefel als Pflanzenschutz erlaubt (Kupfer max. 6 kg/ha/Jahr, ab 2023 nur 4 kg). Im Keller: Weniger Zusatzstoffe erlaubt, niedrigere SO₂-Grenzwerte (100 mg/l für trockenen Rotwein vs. 150 mg/l konventionell). Bio-Siegel: EU-Biosiegel, Demeter, Ecovin, Naturland.
Biodynamischer Weinbau (Demeter-Zertifizierung): Basiert auf den Vorträgen Rudolf Steiners von 1924. Geht weit über Bio hinaus: Kosmische Rhythmik: Pflanzung, Rebschnitt, Lese und Kellerarbeit werden nach einem Mondkalender ausgerichtet (Blatt-, Frucht-, Wurzel-, Blütentage). Biodynamische Präparate: Hornmist (500) — Kuhmist in Kuhhörnern über Winter im Boden vergraben, dann hochverdünnt auf den Weinberg gesprüht → Bodenaktivierung. Hornkiesel (501) — Quarzmehl in Kuhhörnern über Sommer gelagert → Lichtregulation, Reifungsunterstützung. Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn, Baldrian — Kompostpräparate (502–507). Selbstversorgung: Der Betrieb als geschlossener Organismus. Top-Produzenten biodynamisch: Domaine de la Romanée-Conti, Domaine Leroy, Zind-Humbrecht, Nikolaihof, Bürklin-Wolf, Wittmann.
Naturwein (Vin Naturel) — Die radikalste Position: Möglichst kein Eingriff in Weinberg und Keller. Im Weinberg: Bio oder biodynamisch. Im Keller: Spontangärung (Wildhefen), kein oder minimaler Schwefelzusatz (max. 30–40 mg/l), keine Schönung, keine Filtration, keine Zusatzstoffe. Ergebnis: Weine, die vital, lebendig und unvorhersagbar sind — aber auch instabiler. Häufige Merkmale: Trübung (kein Filtern), leichte Perlage (Restkohlensäure), ungewöhnliche Aromen (Cider, Hefe, Kombucha, Sauerteig). Kritik: Erhöhtes Fehlerrisiko (Essigsäure, Brett, Mäuseln). Schlüsselfiguren: Marcel Lapierre (Beaujolais), Josko Gravner (Friaul), Pierre Overnoy (Jura), Frank Cornelissen (Ätna).
Wichtig für die Beratung: Naturwein ist polarisierend — manche Kunden lieben die Lebendigkeit, andere empfinden die Fehltöne als störend. Ehrliche Beratung und Probieren lassen ist der beste Ansatz. Das Orange-Wine-Revival und die Amphoren-Welle sind eng mit der Naturwein-Bewegung verbunden.
Quiz — Frage 1 von 3
0/0 richtigWas ist das Hornmist-Präparat (500) in der Biodynamie?
